Interview

Im Wiener Riesenrad über der Stadt der Musik Im Gespräch mit Birgit Denk

Ein Blick vom Wiener Riesenrad über den Prater auf die Stadt der Musik. Birgt Denk über musikalische Wurzeln und Musik in einer wahnsinnig bunten Stadt.

Michael Sicher: Wir sind jetzt noch nicht im Riesenrad, aber knapp neben deinem Lieblingsplatz. Oder zählt der ganze Prater als Lieblingsplatz?

Birgit Denk: Der Prater ist tatsächlich ein sehr geliebter Platz. Ich bin total gern im Prater, weil ich tatsächlich gerne mit dem Riesenrad fahre. Schnell rein und eine Runde fahren. Mir taugt das total. Erstens ist es etwas Historisches, zweitens ist es etwas, wo man einen Überblick hat. Beides habe ich sehr gern. Und drittens ist gleich nebenam noch ein Lieblingsplatz im Prater, ein Minigolfplatz. ich bin eine ausgewiesene Minigolfspielerin. Leider werden die Minigolfplätze im Laufe der Jahre Österreich weit immer weniger. Und ich finde, das Aussterben der Minigolfplätze sollte bitte aufhören.

Michael Sicher: Was ist die größte Herausforderung beim Minigolf?

Birgit Denk: Die größte Herausforderung beim Minigolf sind die Mitspieler. Weil beim Minigolfspiel der Ehrgeiz der unehrgeizigsten Menschen geweckt wird. Ich spiele es gern, ich muss nicht gewinnen. Ich gewinne gern, aber es muss nicht sein. Ich habe Spaß dran, eine Geschicklichkeitsaufgabe im Freien zu erledigen. Ich habe mit meinen Eltern jahrelang in Kärnten Urlaub gemacht und dort die Abendgestaltung meiner Eltern mit den zwei Kindern, Minigolf spielen war. Das habe ich als schöne, familiäre, gemeinsame Betätigung in Erinnerung.

Michael Sicher: Hast du damals schon begonnen zu singen und deine Leidenschaft und dein Talent entdeckt?

Birgit Denk: Meine Leidenschaft zu singen habe ich früh entdeckt. Mein Talent erst später. Erst mit diesen leidigen, hoffentlich mittlerweile von der Pädagogik abgesetzten Vorfälle, wie Vorsingen in der Schule. Das waren so die ersten paar Male, wo mir aufgefallen ist, dass ich das besser kann oder zumindest mit weniger Angst als die Klassenkameradinnen. Und diese Leidenschaft, sich auszudrücken und selber Texte zu schreiben haben sich dann irgendwie potenziert. Und so mit fünfzehn, sechzehn, siebzehn im Internat, das auch sehr musisch war, haben wir das alle gemeinsam gemacht und haben alle singen können. Das war hervorragend, mit Schulband und so. Dann ist Eines auf das Andere gekommen.

Michael Sicher: Wien ist die Stadt der Musik. Was bedeutet das für dich? 

Birgit Denk: Wien ist für mich ganz wichtig. Die meisten Leute glauben immer, ich bin eine Wienerin. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie in Wien gewohnt. Obwohl mein Leben schon lang ist. Ich bin eine Niederösterreicherin. Und wohne mittlerweile seit acht Jahren glücklich wahlweise im Burgenland. Ich liebe aber Wien und kann es überhaupt nicht missen, weil Wien für mein musikalisches Werden existenzschaffend war. Ich habe damals mit Schulbands gespielt und mir war bald klar, wenn ich das so machen will, dass es mir total taugt, brauche ich mehr Leute, die Musik spielen. Dann bin ich nach Wien gegangen und habe Menschen kennengelernt, mit denen ich in Wien in Proberäumen, wo ich bis heute noch bin, im WUK, geprobt. Wien ist für mich extrem wichtig, weil es hier so viel verschiedene Musik gibt. Und auch so viele Menschen aus Tirol, aus Oberösterreich, aus der Steiermark nach Wien kommen um dort zu musizieren. Aber auch aus der Türkei, aus Serbien und aus Afghanistan lernen wir alle voneinander. Und das ist total schön.

Michael Sicher: Das heißt, Wien ist wirklich ein Schmelztiegel der Musik?

Birgit Denk: Das war es immer, weil die komplette Wiener Musik, wie wir sie kennen, ja immer von „Zuagroasten“ (hierher gezogenen) gekommenen ist. Die Roma, die Sinti, die Niederösterreicher. Die Menschen vergessen immer, dass die Gebrüder Schrammel Niederösterreicher waren und aus dem Waldviertel gekommen sind. Auch Menschen, wie Mozart, wenn man sich erinnert, war kein Wiener. Und Menschen, die man sich sehr gern immer einverleibt: Beethoven war Deutscher. Wien dürfte schon immer sehr einbürgernd gewesen sein. Auch für Musiker und Musikerinnen. Und das merkt man bis heute. Und deshalb brummt es da auch so musikalisch.

Michael Sicher: Wie ist denn das Wiener Publikum?

Birgit Denk: Das Wiener Publikum gibt es Gott sei Dank nicht. Es gibt ein Publikum, das weiß, wie man sich im Konzerthaus benimmt, oder glaubt es zu wissen. Und sich dann brav so benimmt. Es gibt ein Publikum, das dann im Chelsea ist und weiß, wie man sich dort benimmt. Das heißt, die Wienerin weiß, wie man sich benimmt, wo man hingeht. Das Wiener Publikum ist auf alle Fälle ein sehr gesättigtes Publikum. Die Wiener kennen sich gut aus, sie besuchen viele Konzerte. Daher muss man ihnen schon ein bisschen mehr bieten, um sie vom Hocker zu reißen. 

Michael Sicher: Ich war begeistert von eurem Auftritt (Birgit Denk & die Novaks) auf der Tschauner Bühne, bei dem du kabarettistische Lieder, wenn man das so nennen darf, aus den 1950er Jahren und später neu interpretiert. Wie bist du auf die Idee gekommen? 

Birgit Denk: Als Musikerin frage ich mich: Wo kommen meine musikalischen Wurzeln her? Warum gab es Falco? Warum finde ich Stefanie Werger spannend in der Zeit, in der sie etwas bewegt hat? Wo kommt das alles her? Jeder beruft sich auf etwas oder will etwas loswerden. Gerade in Wien und im Wiener Umfeld ist die Erfindung der Pop-Musik, wenn man ganz weit zurückgeht, bei Johann Nestroy und Ferdinand Raimund zu finden. Das waren die Ersten, die im Dialekt für das Volk Lieder geschrieben haben. In einem theatralischen inszenierten Rahmen, um die Zensur damals zu umgehen und Sachen einfließen lassen konnten, die auf der Straße nicht erlaubt gewesen wären. 
Leute wie die Cissy Kraner haben mich als Kind sehr bewegt. Meine Großeltern haben sich das einfach wahnsinnig gern angehört. Es gab Platten zu Hause, die ich als Kind aufgelegt und mir angehört habe. Obwohl ich nur die Hälfte verstanden habe, konnte ich irgendwie an der Reaktion der Erwachsenen verstehen, um was es geht. Und Cissy Kraner war für mich damals als Mädchen eine der wenigen weiblichen Identifikationsfiguren. Auch, weil es in den 1970er Jahren, wo ich geboren wurde und in den 1980er Jahren wenig Frauen gab, die Musik gemacht haben. Und da waren Figuren wie Cissy Kraner, die frech war, die lustig war. Die jetzt auch gar nicht so dem typischen weiblichen Klischee der Sexbombe entsprochen hat, obwohl sie eine hätte sein können oder in Jugendjahren eine war. Sie hat Texte gesungen, die damals in den 1950er Jahren sehr feministisch waren, ohne dass es den Leuten aufgefallen ist. Das hat mich als Kind und Jugendliche sehr beschäftigt. Und ich habe lange den Gedanken in mir getragen, dass ich das gerne einmal interpretieren möchte. Erstens um zu sehen, wie es sich anfühlt. Zweitens um zu schauen, ob das noch Relevanz hat. Und drittens, wie ich gemerkt habe, das hat Relevanz und das spürt sich gut an, um es so zu arrangieren, dass diese Lieder überleben dürfen. 

Michael Sicher: Du schreibst auch Lieder. Wie gehst du das an? Die Frage, die sich mir immer stellt: Zuerst Text oder Musik?

Birgit Denk: Es gibt die und die Versionen. Entweder ist der Text da, den ich schreibe, oder die Musik, die einer der Kollegen schreibt. Wenn man Musik schreibt, hat man oft schon phonetische Wörter oder zumindest Lautmalereien. Und es ist total spannend, diese Lautfetzen in irgendwelche Wörter zu gießen und zu versuchen ihnen einen Sinn zu geben. Viele Literaten, die Prosa schreiben, sagen: Um so enger das Korsett, um so weniger Möglichkeiten, um so mehr Regeln, um so kreativer wird man. Wenn man sagt: „Schreib irgendwas“ ist es schwieriger, als wenn ich sage: „Schreib etwas, das sich alle vier Zeilen reimen muss, das nicht länger als viertaktig ist und das mindestens zweimal das Wort mit ‚a‘ enden lässt“. 

Natürlich gibt es auch Texte, die aus dem Alltag heraus entstehen. Jedes Mal, wenn ich Max Gaier von den 5/8erl in ehr'n, der ein Freund von mir ist, begegne, verabschieden wir uns seit zwei Jahren immer mit den Worten: „Treffen wir uns auf eine Cremeschnitte in der Aida bei ihm um die Ecke, wo wir uns früher immer getroffen haben, als wir mehr Zeit hatten. Dieser Satz war für mich plötzlich so ein starker Satz, von dem ich dachte, er gilt für viele Menschen, die sich irgendwie keine Zeit mehr schenken können. Bei Max und bei mir ist es halt die Cremeschnitte, die uns einfach nur zeigt, wir mögen uns immer noch, auch wenn wir uns nicht sehen. Teilweise habe ich den Satz so liebgehabt, dass ich ein Lied darüber schreiben musste. 

Oder ein Satz, aus einem Woody Allen Film, den ich total gerngehabt habe. Darin fällt ein Satz, den ich so noch nie gehört habe, schon seit fünf Jahren in mir habe und bei jeder passenden Gelegenheit sage, weil ich ihn so gern mag: „Sie sind eine Zierde Ihrer Art.“ Da war es auch irgendwann nur eine Frage der Zeit, dass das ein Lied wird.

Michael Sicher: Du hast deine eigene Sendung, „DENK mit KULTUR“ auf ORF3. Du hast interessante Interviewpartner und natürlich ist Musik ein wesentlicher Bestandteil. Wie bereitest du dich darauf vor?

Birgit Denk: Diese Sendung gibt es, weil ich Musik mag. Und weil wir versucht haben, eine Form zu finden, Musik ins Fernsehen zu bringen, ohne dass es auffällt. Deshalb haben wir gesagt, wir machen eine Talksendung und sagen, alle Gäste müssen singen. Ich überlege mir mit der Redaktion Gäste, die wir gerne hätten. Die unterschiedlich sind und trotzdem irgendwie gemeinsam funktionieren könnten. Die sich vielleicht mögen, obwohl sie von ganz woanders kommen. Oder wir setzen absichtlich eine gewisse Spannung. Das Wichtigste ist bei mir immer, eine Frau und ein Mann. Dann bereite ich mich vor, indem ich für jeden Gast ein bis zwei Tage, redaktionell schon durchgesiebt, Zeitungsartikel, Biografien lese, im Internet surfe. Danach versuche ich zu überlegen: Warum ist der der Künstler, die Künstlerin, die er ist? Was könnte da der Grund dafür sein, dass sie oder er so ist? Ich versuche aus diesen vielen Infos, diese Punkte raus zu saugen, und die Gäste dazu zu bringen, mir sie von sich aus zu erzählen. 

Michael Sicher: Was würdest du, um nochmal auf Wien zurückzukommen, deinem Besuch zeigen?

Birgit Denk: Ich würde auf alle Fälle den Prater herzeigen. Und zwar den gesamten Prater. Nämlich auch mit den finsteren Ecken, wo man sich vor den Hunden fürchtet – und den Hundebesitzern, bis zum Riesenrad. Ich finde, dass das ein bunter Ort ist. Das mag ich. Ich würde auf alle Fälle den Yppenplatz und den Brunnenmarkt herzeigen. Und ich würde auf alle Fälle eine Tour durch Favoriten machen. Wien ist wahnsinnig bunt und überall ein bisschen anders. 

Michael Sicher: Wo verbringst du deine Urlaube?

Birgit Denk: Ich verbringe meine Urlaube sehr gerne und massiv in Griechenland. Ich fahre sehr oft und gerne nach Kroatien. Ich fahre wahnsinnig gerne nach Skandinavien und bin gerne in Schweden. Es wird Zeit, dass ich wieder einmal nach Finnland komme. Das sind so die Plätze, wo ich gerne bin. Was ich mir aber jetzt eingebildet habe: Ich möchte gerne jede Hauptstadt in Europa besuchen, weil ich mich als Europäerin fühle und deshalb gerne wissen will, wie es dort wirklich ist und  nicht wie es mir erzählt wird.