Interview

Die Wiener Staatsoper und die Stadt, die jeder kennt Im Gespräch mit Walter Ruck

Präsident der Wirtschaftskammer Walter Ruck über das Entdecken Wiens mit allen Sinnen – und den Schuss Gemütlichkeit. 

Michael Sicher: Wir sind hier in der Wiener Staatsoper, genauer gesagt im wunderschönen Teesaloon hinter der Präsidentenloge. Was macht die Wiener Staatsoper zu einem Ihrer Lieblingsplätze in Wien?

Walter Ruck: Die Wiener Staatsoper symbolisiert sehr viel von Wien. Unsere Baukunst, unseren Umgang mit Tradition. Auch ein bisschen in Kombination mit der Moderne. In Wien ist es uns sehr gut gelungen, Moderne und Tradition zu vereinen und nicht, mehr oder weniger, alles in verstaubten Kästen zu hinterlassen.

Ich bin in Wien aufgewachsen und kann mich noch gut erinnern, dass diese Stadt in den 1970er- und 1980er-Jahren relativ grau war. Das hatte vielleicht auch etwas mit der geopolitischen Lage von damals zu tun, aber es hat sich enorm viel getan.

Man hat in Wien versucht, was hier ist zu konservieren, zu renovieren oder auch zu restaurieren und hat nicht alles niedergerissen und neu aufgebaut. Ich glaube das symbolisiert die Wiener Staatsoper ein bisschen, auch mit der eigenen Geschichte: Im zweiten Weltkrieg zerstört, wiederaufgebaut und so weiter. Es ist ganz einfach ein schöner Platz, gerade hier im Teesaloon.

Michael Sicher: Genießen Sie hier immer wieder auch Aufführungen?

Walter Ruck: Viel zu wenig, wenn Sie meine Frau fragen. Sie würde jetzt mit mir schimpfen und sagen: „Deutlich zu wenig!“ Ich bin sehr gerne, aber zugegebenermaßen sehr selten, hier.

Michael Sicher: Sie kommen aus der Baubranche und haben ein Familienunternehmen, in dem ein Schwerpunkt die Renovierung von denkmalgeschützten Gebäuden ist. Welche sehenswürdigen Gebäude sollte man in Wien sehen?

Walter Ruck: Wir haben relativ viele Renovierungen und Restaurierungen an Gebäuden auf der Ringstraße durchgeführt. Für mich persönlich ist dieser Schwerpunkt ein sehr schöner. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, welches Gebäude mir am besten gefällt. Das ist ungefähr wie, wenn Sie einen Vater fragen würden: „Was ist Ihr Lieblingskind?“ Jedes Gebäude hat seine Besonderheit, seinen Reiz. Und das bleibt alles mit einer Geschichte, mit einer Anekdote in Erinnerung.

Ein Spaziergang über die Ringstraße ist auf jeden Fall zu empfehlen. Für mich ist das eher eine Baustellenbesichtigung. Wien hat wirklich einen ganz tollen historischen Baubestand. Hier wurde frühzeitig erkannt, dass es sehr sinnvoll ist, den historischen Bestand zu erhalten und ihn bautechnisch in die Gegenwart bringen kann ohne, dass man die historische Struktur dadurch auflösen muss. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch eine Riesen-Herausforderung, in solchen Gebäuden die Barrierefreiheit herzustellen. Wenn sich hier die Anforderungen von Denkmalschutz und Barrierefreiheit kreuzen, ist das immer eine ganz große Herausforderung. Aber Herausforderungen sind immer dazu da, dass man sie löst. All diese Bauwerke sind individuelle Herausforderungen, die man immer aufs Neue lösen muss.

Michael Sicher: Sie sind neben Bauunternehmer auch Präsident der Wirtschaftskammer in Wien. Da bleibt wahrscheinlich nicht mehr viel Zeit, aber was machen Sie gerne in Ihrer Freizeit Ausgleich?

Walter Ruck: Ich mache sehr gerne und, leider genauso wie bei den Opernbesuchen, viel zu wenig Sport. Aber damit kann ich ein bisschen den Kopf frei kriegen. Mir kommen meistens, wenn ich mich bewege – und das kann schon beim Spazieren gehen sein – sehr gute Gedanken. Ich mache eigentlich alle Sportarten ganz gern, wo ein Ball im Spiel ist. Ich bin ein sehr lauffauler Mensch und renne einfacher, wenn ich einem Ball hinterherrenne, sei es beim Fußball, Tennis oder was auch immer. Wenn es um Wintersport geht, fahre ich ganz gerne Ski. Aber das ist genau wie bei den Opernbesuchen, ich komme in Wirklichkeit nicht dazu. Und wenn es mir einmal gelingt, dann stehe ich maximal zwei Tage auf Skiern.

Michael Sicher: Wohin zieht es Sie in den Urlaub?

Walter Ruck: Im Sommer bin ich ein „durchschnittlicher“ Österreicher und bin ganz gerne irgendwo wo es warm ist. Mich stören die Temperaturen, die wir jetzt in Österreich haben, überhaupt nicht. Wenn es über 35 Grad geht, wird auch mir heiß. Aber es stört mich nicht. So gesehen macht es mir Freude, wenn Sommer wirkliche Sommer sind. Und Winter wirkliche Winter mit Schnee.

Ich freue mich und empfinde es als Privileg, dass ich in Österreich viel herumkomme. Es ist ein Wahnsinn, was dieses Land bei seiner Kleinheit alles bietet. Von sehr hohen Bergen, von Gebirgslandschaften, oft bizarren Gebirgslandschaften, bis hin zu, einsamen Landstrichen. Manchmal, wenn ich ans Waldviertel denke, sogar etwas Mystisches. Bis hin zu einer wunderbaren Großstadt. Das ist etwas, das mich wirklich stolz macht, Wiener und Präsident der Wiener Wirtschaftskammer zu sein. Überall wo ich hinfahre, überall in der Welt, wo ich die Interessen Wiens und der Wiener Wirtschaft zu vertreten versuche – auch wenn das der „entlegenste Winkel der Welt“ ist – kennt man Wien. Selbst wenn man dort Österreich nicht kennt, ich habe noch keinen Ort auf dieser Welt gefunden, wo man Wien nicht kennt. Das ist von der Markenpflege dieser Stadt schon toll. Das können die wenigsten Großstädte von sich behaupten.

Michael Sicher: Sie sind selbst viel auf Reisen. Würden Sie sagen, es gibt etwas Besonderes, das die Wiener Tourismusbetriebe hervorhebt?

Walter Ruck: Die Frage ist jetzt ein bisschen unfair, weil ich hier nicht objektiv bin. Ich bin Wiener und ich freue mich immer, wenn ich heimkomme. In Wien paart man wirtschaftlichen Erfolg und Fortschritt mit diesem Schuss Gemütlichkeit. Ich habe das zum Beispiel nie verstanden, wie man irgendwo leben kann, wo man seinen Kaffee aus einem Pappbecher innerhalb von fünf Minuten trinken muss. Dazu haben wir in Wien das Kaffeehaus, das, genauso wie die Staatsoper,Weltkulturerbe ist.

Oder Restaurants, die wirklich im Stundentakt durchgebucht sind. Ich verstehe schon, dass dahinter wirtschaftliches Interesse steht. Aber ich glaube, der Wiener Gastronomie und den Wiener Kaffeehäusern ist es sehr gut gelungen, ein sehr gemütliches Angebot zu schaffen. Und ich glaube, sehr viele Gäste kommen genau aus diesen Gründen nach Wien. Wien bietet einen „entschleunigteren“ Tourismus. „Wien in zwei Stunden“ geht ganz einfach nicht, weil viel zu viel geboten wird.

Wien hat auch abseits des Zentrums sehr zu bieten. Da sind zum Beispiel der Wiener Prater, die Neue Donau und der Kahlenberg. Oder die ganze Heurigen Gegend im 19. Bezirk. Sie ist nicht nur gemütlich, wenn man am Abend vielleicht ein Glas Wein trinken und eine Jause essen will, sondern ist von den Gebäude und von der ganzen Lebensart her interessant. Auch Schönbrunn, Steinhof und die Steinhofgründe rund um die Kirche, die nach den Entwürfen von Otto Wagner gebaut wurde, oder die Wotrubakirche. Es gibt unheimlich viel und ich muss ganz ehrlich sagen, das habe ich in der Masse in noch keiner anderen Stadt gesehen.

Das erklärt für mich auch, warum Wien 15,5 Millionen Nächtigungen im Jahr 2017 hatten. Dazu kommen die ganzen Tagestouristen aus dem näheren Umkreis, die hier nicht nächtigen. Das erklärt auch, dass wir das Potenzial nach oben haben. Gäste kommen aus der ganzen Welt. Das ist das in Wirklichkeit Schöne und Faszinierende, das mich unheimlich stolz macht von mir sagen zu können, ich bin ein Wiener.

Michael Sicher: Wenn Sie Besuch, vielleicht aus dem Ausland, haben, was würden Sie ihm zeigen?

Walter Ruck: Ich bin ein Mensch, der eine Stadt erlaufen muss. Natürlich wäre ein Teil das „Pflichtprogramm“, das man als Wiener interessanterweise selbst nicht macht, wie die Besichtigung vom Stephansdom oder eine Fahrt mit dem Wiener Riesenrad. Wenn Sie mich jetzt fragen, weiß ich nicht einmal, wann ich zuletzt mit dem Riesenrad gefahren bin. Aber ein Besuch wäre ein guter Anlass dafür sich Wien selbst anzusehen. Auch ohne einen Besuch vom Belvedere oder Schloss Schönbrunn fehlt bei einem Besuch in Wien etwas.

Im Grunde genommen würde ich als erstes sagen: „Lerne Wien mit allen Sinnen kennen.“ Fahren wir in die Innenstadt, steigen wir irgendwo aus und bewegen uns einen Tag zu Fuß, langsam, durch Wien und versuchen das mit allen Sinnen mitzunehmen. Dazu zählt zum Beispiel im Winter beim Maronistand stehen zu bleiben und mit heißen Maroni oder Kartoffeln in der Hand weiter zu gehen und Häuser zu entdecken. Mein Zugang ist: Wien kann man nicht nur sehen, Wien muss man schmecken, Wien muss man riechen, Wien muss man spüren. Das geht nicht nur mit einem Sinn. Wobei das andere genauso dazu gehört.

Und dann würde ich – und das habe ich als Bub auch sehr gerne mit meinem Vater gemacht – die Wiener Museen erkunden. Wo man nicht nur die Geschichte Wiens, sondern auch die Österreichs, mitnimmt. Weil ich glaube, dass man kein Land, so wie man keinen Menschen, ohne seine Geschichte beurteilen kann. Wenn ich mir ein Bild über einen Menschen mache, dann stelle ich mir immer die Frage: „Wo kommt diese Person her und warum ist sie heute so wie sie ist?“ Meines Erachtens gilt das für ein Land genauso. Und dazu bieten unsere Museen sehr viel.

Michael Sicher: Wohin gehen Sie gerne essen?

Walter Ruck: Ich esse gerne unterschiedlich und dementsprechend entscheide ich mich für ein Lokal, je nach Lust und Laune. Ich bin meist sehr spät entschlossen bin und sage zu meiner Frau: „Da gehen wir jetzt geschwind hin, so in einer Stunde. Schauen wir mal, vielleicht haben sie einen Platz.“ Dann bin ich aber eher so, dass es in Ordnung ist, wenn sie keinen Platz haben, weil dann das Lokal gut ausgelastet ist. Aber Wien hat auch, und das liebe ich so sehr, viele Angebote für Schnellentschlossene. Wir gehen gerne in eine Richtung und schauen uns um, welche Lokale es dort gibt. Und in irgendeinem werden wir schon einen Platz bekommen. Und da sind wirklich alle Lokale inkludiert, vom kleinen Gasthaus bis zum Luxusrestaurant, genau so wie ein Würstelstand.

Fotos: Florian Wieser