Venezia4All

Venezia4All

Venedig. Wieder einmal. Wir – meine Frau und ich – lieben diese verfallende Stadt. Kanäle, Brücken, Paläste, Touristen-Massen, Vaporettos und Gondeln – all das gehört für uns dazu so wie verborgene schmale Gässchen, kleine Theken mit gutem Wein und köstlichen Brötchen, Szenen die uns das Leben der letzten verbliebenen Venezianer ein wenig mitleben lassen. Ein bisschen erinnert mich Venedig an die „Dame ohne Unterleib“, die um 1910 Schaulustige in den Wiener Prater zog. Das Morbide lässt die Massen staunen.

Wir sind auf dem Weg zum Piazzale Roma – dem Tor Venedigs zum Rest der Welt. Draußen moderne Gebäude (der Bahnhof ist ein hässlicher Betonklotz) und Autobusse (Autos haben drinnen keine Chance). Drinnen stuck- und Statuen-verzierte verfallende und restaurierte Gebäude, der Canale Grande, Wassertaxis, Lastkäne, Vaporettos und...

An einem Steg schaukeln drei Gondeln im Wasser und warten auf Touristen, die sich den kleinen Luxus leisten wollen, mit diesem prächtig verzierten Boot die Serenissima zu entdecken. Ein Metall-Schrank am Steg weckt unser Interesse. Wir witzeln: Tankstelle für Gondeln oder Ladestelle für den E-Motor, damit der Gondoliere nicht rudern muss und sich mehr auf sein „O sole mio“ konzentrieren kann? Die Aufschrift „Gondolas4All“ lässt uns ahnen, wofür der Kasten da ist.

Alessandro, der Gondoliere - ein netter Kerl – klärt uns auf: Das Gerät hebt Touristen mit Rollstuhl in die Gondel. Rollstuhlfahrer können eine Gondelfahrt genießen. Zum gleichen Preis wie Touristen ohne Rollstuhl. Während Allessandro erzählt, röten sich seine Augen, manchmal ringt er – nicht nur wegen der Sprachprobleme – mit Worten. Gondolas4All ist sein Herzens-Projekt.

Enrico Greifenberg and Alessandro Dalla Pietà treiben das Projekt voran. Ihre Vorleistungen sind gewaltig: das Gerät kostet Euro 65.000. Sie werden von der Regional-Regierung und von Rom unterstützt; allerdings mehr als ein Schulterklopfen ist das nicht. Da Gondolas4All noch kaum bekannt ist, nutzten erst wenige Rollstuhlfahrer die Dienste Allessandros. Was sie brauchen ist breite Aufmerksamkeit. PR scheint aber nicht ihre Stärke zu sein. Ideen dazu sind sich willkommen. Wir gratulieren Allessandro für ihre Anstrengungen und ihren Mut und ziehen weiter.

Venedig ist keine Stadt, die Rollstuhlfahrer zu sich einlädt. Viele Hürden hindern sie, die Stadt zu erkunden. Aber wir erkennen viele Anstrengungen, die Hürden zu egalisieren: Gleich beim Bahnhof führt eine Brücke zum Piazzale Roma, die mittels Aufzug auch mit dem Rollstuhl überwunden werden kann. Immer mehr Gaststätten werden behindertengerecht geführt, die Brücken an der Riva degli Schiavoni wurden mit befahrbaren Rampen versehen.

Vielleicht spürt demnächst jemand den Drang zu beschreiben, wie Rollstuhlfahrer der „Dame ohne Unterleib“ unter die Röcke schauen können.

Helmut Gawlas, Juni 2016